Osteopathie

Geschichte der Osteopathie

1864 musste der amerikanische Landarzt und Missionarssohn A.T. Still mitansehen, wie zwei seiner Kinder qualvoll an Meningitis verstarben. Daraufhin suchte er eine „bessere“ Medizin, die einfach und erfolgreich sein musste. Rasch erkannte er das Potenzial der Hände und entwickelte auf Basis der „Knochensetzer“- Methoden verfeinerte Techniken, die Grundlage der gesamten modernen Manualmedizin werden sollten.

Still praktizierte aus Nächstenliebe. Er verstand den Menschen in seiner Einheit aus Körper, Geist und Seele stets als Teil einer vollkommenen Schöpfung. Er liebte die Natur und erforschte die dynamischen Wechselwirkungen zwischen Struktur und Funktion in ihr. Fasziniert von ihrer Fähigkeit zur Selbstordnung, vermutet er, dass „sich alle Heilmittel der Natur in Form einer Apotheke Gottes im Körper befinden.“

Still war überzeugt, dass die Fähigkeit zur Selbstheilung vom Fließen der Körperflüssigkeiten (Blut, Lymphe und Nervenwasser) abhängt und dass dieses für die Gesundheit essenzielle Fließen durch anatomische Störungen – er nannte sie Läsionen – behindert werden. Erkrankungen in den unterversorgten Bereichen sind die Folge. So mahnt er seine Kollegen: „Nicht den Kranken zu heilen ist die Pflicht des Behandlers, sondern einen Teil des ganzen Systems wieder so anzupassen, dass die Lebensflüsse fließen und die ausgetrockneten Felder bewässert werden können.“ Den Rest erledigt die Natur.

Still war nicht am heroischen Beseitigen von „Pathologien“ interessiert; er wollte die Natur mit manuellen Techniken lediglich einen optimalen Freiraum für ihr mächtiges Wirken verschaffen. In seinen Worten: „Gesundheit zu finden sollte die Aufgabe des Arztes sein, Krankheit kann jeder finden.“ Da nur die Natur die Fähigkeit zur Heilung besitzt, verstand sich Still nie als „Heiler“, sondern als bescheidener Handwerker mit grenzenlosem Vertrauen in die Natur.

Aufgrund enormer Behandlungserfolge musste Still seiner Medizinphilosophie bald einen Namen geben. Da er mit manuellen Techniken über die Knochen (gr. osteon) indirekt die Leiden (gr. patheios) seiner Patienten linderte, nannte er sie Osteopathie. 1874 ließ er sich in Kirksville, Missouri, erfolgreich nieder und eröffnete dort im Jahre 1892 eine kleine Schule.

Als Still 1917 starb, praktizierten weltweit bereits über 20.000 Osteopathen seine „bessere“ Medizin.

(Quellen: Patientenflyer Jolandos.de)

Zitate von A.T. Still:

„Ich möchte den Kindern Erleichterung und Ruhe geben, sodass sie das Gesetz der Natur erfüllen und sich von einem Atom zu einem ausgewachsenen Lebewesen entwickeln können.“

„Der Natur bis ans Ende vertrauen.“

„Ich sage meinen Studenten, behaltet das Bild des normalen Körpers alle Zeit in eurem Verstand, während ihr den Kranken behandelt.“

„Das Leben ist eine Substanz, die den Raum des gesamten Universums erfüllt.

„Wenn alle Systeme des Körpers wohl geordnet sind herrscht Gesundheit.“

„Ich glaube, dass die menschliche Maschine die Apotheke Gottes ist und alle Heilungen der Natur darin zu finden sind.“

„Nicht die Krankheiten zu heilen ist die Pflicht des Maschinisten, sondern einen Teil des ganzen Systems so anzupassen, dass die Lebensflüsse fließen und die ausgetrockneten Felder bewässern können.“

Eventuell Video auf YouTube.com: Honoring a Legend: Andrew Taylor Still, M.D.;D.O.

Quelle: Das große Still-Kompendium

In diese Blütezeit der Gründerjahre kommt der Hochbegabte junge schottische Universalgelehrte J.M. Littlejohn 1897 nach Kirksville, um sich von Still behandeln zu lassen. Beeindruckt vom nachhaltigen Erfolg bereits nach wenigen Sitzungen, beendet Littlejohn seine brillante akademische Karriere und verschreibt sich den wissenschaftlichen Auf- und Ausbau der Osteopathie.

Inspiriert von Stills unabhängiger Medizinphilosophie und ausgestattet mit einer unvergleichlichen Bildung hebt Littlejohn die Osteopathie in den Folgejahren auf allerhöchstes wissenschaftliches Niveau. Er weitet zudem Stills anatomische Ebene aus und führt außerdem die Psycho-Pathologie ein. Läsionen konnten nun nicht nur im Bewegungsapparat, sondern auf allen Ebenen die „ vital force“ (Lebenskraft) des Menschen negativ beeinflussen.

Im Zuge dieser Erweiterung erarbeitete er völlig neuartige biomechanische Modelle, mittels derer Gesundheit und Krankheitsprozesse im menschlichen Organismus stichhaltig erklärt und beeinflusst werden.

Bereits 1898 stellte Littlejohn die Osteopathie in England, Deutschland und Frankreich vor und nach dem sich die Osteopathie in den USA ab ca. 1910 aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus immer mehr der Schulmedizin angeglichen hatte, beschließt er 1913 nach Europa zurückzukehren. Mit der Eröffnung der British School of Osteopathy 1917 in London, wird Littlejohn auch maßgeblicher Wegbereiter für die Entwicklung der Osteopathie in Europa.

Seine bis ins Feinste ausgearbeiteten Arbeiten im Bereich Physiologie und Biomechanik bilden den theoretischen Grundstein für die modern manuelle Medizin. Er entwickelte das GOT-Konzept (Generell Osteopatic Treatment) und gab es seinem Schüler John Wernham (02.05.1907- 09.02.2007) weiter.

John Wernham arbeitet noch mit 98 Jahren in seiner Praxis. 2004 unterrichtete er an der Osteopathie-Schule Deutschland (OSD) in Stuttgart. Mit seinen damals 96 Jahren zeigte er uns Schülern im 3. Ausbildungsjahr, wie mit einer Behandlung die komplette Statik einer Schülerin zum Positiven beeinflusst wurde.

Es war unglaublich! Er reiste damals mit seiner Frau im Auto, vollgepackt mit seinen alten Büchern, die er verkaufte, von England nach Deutschland und unterrichtete immer noch mit sehr viel Begeisterung.

Dafür möchte ich mich herzlichst bei der OSD bedanken, dies zu ermöglichen!

Zitate von John Martin Littlejohn:

„Der Organismus befindet sich, solange er lebendig ist, in einem Zustand ständigen Fließens.“

(Quelle: Patientenflyer Jolandos.de)

1900 machte W.G. Sutherland während seiner Ausbildung an Stills Schule in Kirksville, Missouri, eine seltsame Beobachtung: Ihm waren Schrägen an den Kanten einiger Schädelknochen aufgefallen. Er dachte sich: „abgeschrägt wie die Kiemen eines Fisches…“ und kombinierte: Kiemen – Atmung – Bewegung. Später begann er, die Schädel- und Gesichtsknochen exakt zu studieren, und entschlüsselte eine einheitliche Bewegung des Schädels (lat. Cranium), die über die harte Gehirnhaut (lat. Duraler mater) vermittelt wurde.

Ganz im Sinne von „Ich muss es selbst spüren, um es zu wissen“ überprüfte er mit selbstgebauten Apparaturen seine Theorie. Dabei bemerkte er zunächst, dass sich die Knochen tatsächlich rhythmisch mit der Atmung bewegen. Sogar das Fließen des Liquors (Fluktuation) konnte er spüren. Darüber hinaus nahm er wahr, wie die Dura (harte Hirnhaut) die Bewegung entlang der Wirbelsäule bis hinunter zum Kreuzbein (lat. Sakrum) übertrug. So beschrieb er in den 1930ern erstmalig das Kraniosakrale System, bestehend aus Schädel- und Gesichtsknochen, Dura, Liquor und Zentralem Nervensystem.

Schließlich spürte er einen weiteren, atmungsunabhängigen, langsamen harmonischen Rhythmus, den er Primären Respiratorischen Rhythmus, Primärrhythmus oder Primäratmung nannte und einer Höheren Intelligenz zu schrieb.

Als Schlüssel zur Gesundheit vermutete Sutherland die harmonische Balance innerhalb und zwischen Duraspannung, Fluktuation und Primärrhythmus. Besteht diese, kann sich das Potenzial zur Selbstheilung optimal entfalten. Um diese subtilen Qualitäten besser erfassen zu können, perfektionierte er unermüdlich die Wahrnehmungsfähigkeit seiner Hände.

Er erkannte, dass mechanische Traumen bei Geburt, Stürzen oder Zahnbehandlungen, zu Blockierungen in den Schädelknochen führen können, die oft erst Jahre später Probleme verursachen. Deshalb widmete er einen Großteil seiner Arbeit Kleinkindern.

Wie Still verstand sich auch Sutherland als Handwerker der Natur, der lediglich optimale Rahmenbedingungen für die Kraft zur Selbstheilung schafft. So schrieb er über seine Kraniale Osteopathie: „Handelt es sich um eine eigenständige Therapie? Nein. Es handelt sich um die Wissenschaft der Osteopathie.“

Zitate von W.G. Sutherland:

„Wie der Zweig gekrümmt ist, so neigt sich der Baum.“

Quelle: Patientenflyer von Jolandos.de

Dr. Viola Frymann war Schülerin von W.G. Sutherland und galt als die große Wegbereiterin der Kinderosteopathie.

1921 in England geboren, machte sie bereits als Vierjährige erste Erfahrungen mit der Osteopathie, da ihr Vater an Tuberculose erkrankte und mit Hilfe eines Osteopathen wieder gesund wurde.

Da es während des zweiten Weltkrieges kaum Ausbildungsmöglichkeiten in der Osteopathie gab, nahm sie ein Medizinstudiumm an der University of London auf. Nach dem Krieg emigrierte sie in die USA und konnte dort aufgrund ihrer medizinischen Vorbildung die osteopathische Ausbildung in nur 2 Jahren abschließen.

Viola Frymann heiratete und verlor ihren erstgeborenen Sohn aufgrund nicht stillbaren Erbrechens mit nachfolgender Dehydrierung. Unmittelbar nach diesem tragischen Verlust begann sie eine Ausbildung bei W.G. Sutherland und erkannte, dass es mithilfe der von Sutherland entwickelten kranialen Osteopathie evtl. möglich gewesen wäre, ihr Kind zu retten.

So begann ihre lebenslange Beschäftigung mit dem kranialen Konzept und der pädiatrischen Osteopathie.

Frymanns Forschung war auf verschiedenen Gebieten bahnbrechend, und andere Forscher haben seither auf ihren Ergebnissen aufgebaut und eine evidenzbasierte Grundlage für die osteopathische Medizin geschaffen, insbesondere im Bereich des kranialen Konzepts und der pädiatrischen Forschung am Osteopathic Center for Children (OCC, 1982) fortgeführt, wo weiterhin die Richtung verfolgt wird, die Viola Frymann bereits seit über 70 Jahren eingeschlagen hatte.

Als Osteopathin hat Frymann zahlreiche Kurse im Ausland gegeben. So durfte ich sie gleich zu Beginn meines Studiums 2002 in Maidstone (England) bei einem Kongress kennenlernen. Ehrfürchtig hörte ich ihrem Vortrag über die Studien-Ergebnissen bei Epilepsie bei Kindern mit und ohne osteopathische Behandlung zu und bei einem Workshop zeigte sie uns Studenten, die Herangehensweise der Palpation und Behandlund des Sacrums.

Dafür möchte ich mich auch wieder ganz herzlichst bei der OSD bedanken, die uns Studenten dies ermöglichten.

Zitate von Viola Frymann:

„Ich sage Kindern, Du bist derjenige, der heilt, nicht ich. Alles was ich tue, ist die Tür zu öffnen und es geschehen zu lassen.“

Quelle: Deutsche Zeitschrift für Osteopathie (Ausgabe 1-2017)

Die Grundlagen der Osteopathie

Die Osteopathie ist eine manuelle Therapieform, die den Organismus in seiner ganzheitlichen Struktur begreift und behandelt. Sie ist eine Philosophie, eine Wissenschaft und eine Kunst.

Als Philosophie begreift die Osteopathie den Menschen als ganzheitliches Wesen, dem alle Möglichkeiten der Selbstheilung und Gesunderhaltung innewohnen. Das beständige Gleichgewicht zwischen den einzelnen Körpersystemen ist dabei die optimale Voraussetzung für Gesundheit.

Als Wissenschaft beinhaltet sie Erkenntnisse der chemischen, physikalischen und biologischen Wissenschaften im Dienste der Gesundheit, ebenso wie in der Prävention, Heilung und Verbesserung von Krankheiten. So hat sich die Osteopathie stets bemüht, ihre Tätigkeit und Erfolge wissenschaftlich zu erforschen und neue wissenschaftliche Ergebnisse in die Osteopathie zu integrieren.

Ihre Kunst besteht darin, philosophische und wissenschaftliche Grundlagen in der osteopathischen Behandlung basiert auf dem Wissen um die vielfältig vernetzten Prozesse im Organismus, die zu Gesundheit oder eben auch zu Krankheit führen.

Um diesen hohen Anspruch gerecht zu werden, müssen sich Osteopathen nicht nur Kenntnisse in Anatomie, Philosophie sowie die speziellen diagnostischen und therapeutischen Verfahren der Osteopathie aneignen, sie müssen außerdem das Gedankengebäude der Osteopathie verinnerlicht haben. Dieses basiert im Wesentlichen auf vier Bausteinen, die das Menschenbild Osteopathische Therapeuten und damit ihre Auffassung von Medizin bestimmen.

Prinzipien der Osteopathie

In der Osteopathie wird nicht die Krankheit oder das Symptom behandelt, sondern der Mensch als Ganzes. Der Mensch ist eine Einheit aus Körper, Geist und Seele. 

Der Osteopath  betrachtet daher neben dem Körper auch das Umfeld des Patienten mit allen möglichen Wechselwirkungen. Er bezieht in seine Therapie psychisch-emotionale Aspekte, sowie Fitness, Ernährung, Bewegung und Entspannung mit ein. Erst das perfekte Zusammenspiel aller Gewebe (Knochen, Muskeln, Faszien, innere Organe…) ermöglicht eine ungestörte Funktion.

Der Körper besteht aus Gewebestrukturen deren Form (Struktur) und Funktion untrennbar miteinander verbunden sind. Wenn die Körperstruktur eingeschränkt oder verschoben ist, verändert sich auch die Funktion. Z.B. Muskeln dienen dazu Bewegungen auszuführen. Ihre ganz spezifische Struktur erlaubt ihnen, genau diese Funktion wahrzunehmen. Je mehr ein Muskel gefordert wird, d.h. Je mehr Funktion von ihm verlangt wird, desto größer wird der Muskel, er wächst und verändert seine Struktur. Gleiches Prinzip auch für Knochen (sowie für alle anderen Strukturen): Der Kiefer beispielsweise dient vor allem zum Kauen. Wird der Kiefer eines Menschen, der seine Zähne verloren hat, nicht mehr zum Kauen verwendet, degeneriert er.

Der Osteopath löst mit seinen Händen die Bewegungseinschränkungen und hilft dadurch dem Körper, Funktionsstörungen zu beheben. Die Funktion kann sich normalisieren, kommt wieder ins Gleichgewicht und die Symptome, z.B. Schmerzen, verschwinden.

Die Selbstregulierungskräfte sind alle körpereigenen Mechanismen, Reflexe und Prozesse, die dem Organismus aus einem kranken Zustand zur Gesundung zurück verhelfen. Ziel einer osteopathischen Behandlung ist es, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stimulieren und zu unterstützen, damit der Körper wieder ein inneres Gleichgewicht findet.

Selbstregulierungskräfte zeigen sich beispielsweise in:

der Fähigkeit des Blutes zu gerinnen

in der Bakterienabwehr bei Entzündungen

in der Narbenbildung nach einer Verletzung

in der Immunisierung nach einer Virusinfektion

in der Knochenneubildung nach einem Bruch

Ohne eine verbesserte arterielle Versorgung des Gewebes mit Nährstoffen, ohne gewährleisteten Abtransport von Stoffwechselendprodukten aus dem Gewebe über das venöse und lymphatische System, ohne nervale Versorgung aller Strukturen und ohne ein schweres definierendes energetisches Gleichgewicht, ist keine Verbesserung der Selbstregulation zu erreichen. Eine gute Zirkulation muss gegeben sein.

Die 3 großen Bereiche der Osteopathie

Parietale Osteopathie

Parietale wir hergeleitet vom lateinischen Wort „Paris“= Wand und bezeichnet das Stützsystem im Körper. Zu diesem Stützsystem zählen Knochen, Muskeln mit ihren Bindegeweben Hüllen, Gelenke, Sehnen und Bänder.

Viszerale Osteopathie

Viszeral stammt von dem lateinischen Begriff „viszera“ ab und bedeutet Eingeweide. Zum viszeralen Bereich zählen entsprechend die inneren Organe mit ihren bindegwebigen Hüllen und Platten, das zugehörige Gefäßsystem mit Blut und Lymphe sowie das Nervensystem.

Craniosacrale Osteopathie

Zum craniosacralen System (lat. „cranium“ = Schädel; „Os sacrum“ – heiliger Knochen, Kreuzbein) gehören der Schädel, das zentrale und periphere Nervensystem mit Gehirn, Rückenmark und Nerven, die Rückenmarksflüssigkeit einschließlich der zugehörigen Bindegewebshäuten, sowie das Kreuzbein.